Habe ich meine Geburtsgeschichte zu früh aufgeschrieben? — Gedanken an meine letzte Geburt vor dem Roses Revolution Day

Triggerwarnung: dieser Artikel behandelt das Thema „Gewalt unter der Geburt“. Wenn es dir damit nicht gut geht, ließ es bitte nicht oder nur mit Bedacht.

Was ist mit denen, die sich so hartnäckig weigern, diese neue Vision der Geburt anzunehmen?

Frédérick Leboyer: Geburt ohne Gewalt, Kösel-Verlag, 13. Auflage 2009, Übersetzung von Adriane Elbrecht, 148

Wir schreiben den 16. November 2020. In wenigen Tagen ist Roses Revolution Day. Dass Gewalt unter der Geburt existiert und kein Einzelfall ist, ist nichts Neues — nur in den Köpfen vieler noch nicht angekommen. Noch immer werden schmerzhafte, traumatische Geburten oft abgewinkt mit „ist halt so. Geburten tun nun mal weh“ oder ähnlichen Sprüchen, wenn die Gebärende im Kreißsaal angeschrien wird, dann stellt sie sich ja einfach nur an und soll mal nicht so empfindlich sein — so die Meinung vieler.

Every woman is a rose

Ich selbst dachte eigentlich die Geburt meines zweiten Sohnes sei relativ gut verlaufen (eine Geburtsgeschichte findet man hier. Unbedingt auch bei Katharina vorbeischauen!), doch nun gehen mir hierbei ein paar Dinge durch den Kopf.

Die Frage nach der medizinischen Indikation

Ich kam in den Kreißsaal und wurde direkt an das CTG angeschlossen. Die diensthabende Hebamme sagte mir, dass mein Kind schläft und dass ich ihn wecken sollte. Weswegen denn?, frage ich mich heute. Ist ist doch in Ordnung, wenn der Kleine schläft. Wenn sonst alles okay ist. Ich sollte viel trinken. Dies hatte zur Folge, dass ich später ständig zur Toilette musste. Aus der Wanne raus, wieder hinein, und wieder raus, … War das wirklich notwendig? Ebenso wie die Infusion während der Geburt. Hätte das sein müssen? Auch in der Badewanne, in der ich es so schön fand wurde ein CTG geschrieben. Das Problem: der Gurt war zu groß für mich und ich konnte mich deshalb kaum bewegen, ohne dass die Knöpfe verrutschten. In der Wanne konnte ich nicht wirklich in den Vierfüßlerstand, weil zu viel Wasser in den Gurt eindrang und die Knöpfe verschoben. Wie bereits erwähnt: War dieses Dauer-CTG notwendig. Ich lag schon fast eine Stunde am CTG, als ich eintraf und dann auch noch in der Badewanne. Die Herztöne waren doch in Ordnung, wie Wehenaktivität auch…

Wir brauchen nicht viel. Keine teuren Apparate, keine Wehenschreiber oder ähnliches.

Die Technologie hat den Ehrgeiz uns in ihren Dienst zu stellen.

Ihre Monitoren sind modisches Spielzeug für erwachsene Kinder.

Frédérick Leboyer: Geburt ohne Gewalt, Kösel-Verlag, 13. Auflage 2009, Übersetzung von Adriane Elbrecht, 149f.

Da der Kleine nicht so gut nach unten rutschte, sollte ich dann ja herumlaufen. Es war okay, aber eigentlich wollte ich zurück in die Wanne. Wie in meiner Geburtsgeschichte erwähnt, wurde ich dann immer verspannter und die Schmerzen wurden stärker. Schließlich fühlte ich mich ausgeliefert. Als ich dann abschließend auch noch in Rückenlage gebracht wurde, an der Sauerstoffmaske hing, meine Beine quasi fixiert wurden und der Kleine mit einer Saugglocke auf die Welt gebracht wurde, ließ ich alles nur noch über mich ergehen. Auch wurde ich ein wenig angeschrien.

Hätte das alles sein müssen? Ich weiß es nicht. Ich hätte fragen sollen, aber ich traute mich nicht. Warum? Eine Art Weißkittelkomplex… andere werden schon recht haben, ich habe ja keine Ahnung und eh kein Recht mich zu beklagen…

Das Neugeborene ist ein Spiegel“ (Leboyer)

Das Neugeborene ist ein Spiegel.

Es schickt uns unser Bild zurück.

Es liegt an uns, ob es weint,

oder ob sein Eintritt in die Welt eine Freude wird.

Frédérick Leboyer: Geburt ohne Gewalt, Kösel-Verlag, 13. Auflage 2009, Übersetzung von Adriane Elbrecht, 150

Mein kleiner Sohn kam weinend und blau zur Welt. Vor Erschöpfung schlief er direkt ein. Hätte dies anders sein können?

Die Sache mit der Selbstbestimmung

Selbstbestimmung wurde bei mir noch nie besonders groß geschrieben. Irgendwie habe ich mich nie so recht getraut, auf mein Recht zu bestehen, meinen Standpunkt zu vertreten, meine Stimme zu erheben. Ich arbeite daran mit meiner Therapeutin. Mein Leben begann Fremdbestimmung. Meine Mutter gebar mich fremdbestimmt. Ein paar Tage vor dem errechneten Geburtstermin wurde die Geburt ohne ersichtliche medizinische Indikation mit Holzhammermethode eingeleitet. Ich durfte nicht so lange im Bauch meiner Mama bleiben, wie ich es wollte und diese hatte eine traumatische Geburt erlitten. Von diesem Ereignis erfuhr ich erst Jahre später, als ich selbst mit meinem ersten Sohn schwanger war. Und nun traute ich mich nicht selbstbestimmt zu entbinden.

Tränen

Unterdessen schreibe ich diese Zeilen und Tränen fließen meine Wangen entlang. Es war nicht so, wie ich mir gewünscht habe. „Das Leben ist kein Wunschkonzert“, brüllt eine Stimme in meinem Kopf. Ich bin traurig. Traurig, dass ich keine Hausgeburt hatte, dass ich nicht im Geburtshaus war, dass ich nicht mehr auf mein Recht bestanden habe, traurig über die Schmerzen. Wütend auf so viele und auf mich selbst.

Und ich bin traurig, dass mein Sohn mit dieser Maske, von der Leboyer spricht zur Welt gekommen ist. Ich hätte ihn so gerne lächelnd gesehen.

Darüber hinaus bin ich neidisch auf alle Frauen, die eine schöne Geburt ohne Gewalt hatten. Es fällt mir leider schwer mich mit ihnen zu freuen.

Schön, dass du da bist

Mein kleiner Sohn. Es ist schön, dass du da bist. Du bist fröhlich und steckst uns damit alle an. Dein Gemüt besänftigt uns alle. Deinem Namen hast du in beide Richtungen bereits alle Ehre gemacht. Danke, dass du zu uns gekommen bist.

Die Zitate stammen aus Geburt ohne Gewalt von Frédérick Leboyer, Kösel-Verlag, 13. Auflage 2009, Übersetzung von Adriane Elbrecht (einen Affiliate-Link findet ihr hier)

2 Kommentare zu „Habe ich meine Geburtsgeschichte zu früh aufgeschrieben? — Gedanken an meine letzte Geburt vor dem Roses Revolution Day

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